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  • Allerheiligen

    Der Herbst taucht den Friedhof in einen gelben Schimmer,

    am Rande des Uferlosen.

    Ein Kelch, der vorüberzieht inmitten der ahnenden Gräberpassanten.

    In den Windungen der Hoffnung Regen,

    an diesem ersten Tag im November, auf den der Nachtwind wartet

    wie eine Amme im Rausch.

    Das Dunkel verbirgt sich in den niedergegangenen Gebeinen.

    Ich atme es ein. Ich atme es aus, an der Kreuzung zum Silber der Seelen.

    Die Kälte sucht vergebens die Lichter der Kerzen zu löschen.

    Kleines Licht, kleine Flamme, große Ode.

    Eine Frau in Schwarz, die nach der Amsel sucht,

    in der Höhle des Herrn.

    Wir legen Kränze nieder, an der Macht des unbekannten Soldaten

    und gehen in den Frieden, dem Turmbau zu Babel zum Trotz.

    Die Ernte scheitert in diesem Jahr an dem welken Wissen der Sonnenblumen.

    Einmal mehr Tod. Einmal mehr Herbst.

    Einmal mehr Zugluft aus der Ewigkeit.

    Kerstin Fischer

  • Gnade

    Die Vögel, die in silberne Freiheit fliegen

    sind mein Gesang.

    Sie fliegen durch den Schneefall über herben Ufern,

    in das Schweigen der Sonne.

    Ich bin heute schön für die Prinzen blauer Himmel

    und setze mich zu den Wörtern.

  • Sommerwärts

    Die Macht des Rotkehlchens am Abend,

    die durch meine schreibenden Finger gleitet,

    im Warten auf den Tau des Traumes

    Muscheln, die im Sand weiden.

    Rosa wie mein Gedächtnis.

    Ich laufe in gläsernen Spuren, die Herbst mögen

    sommerwärts die Schwalben in ihrem glatten Flug.

  • Wieder da

    Nach einer längeren Pause, nehme ich nun wieder die Arbeit an meinem Blog auf. In erster Linie werde ich hier nun eigene Gedichte veröffentlichen. Die Lyrik wird mich wieder beschäftigen, im warmen Sterben des Sommers, in der Wintermethode des Herbstes im Sinne von Vergänglichkeit und vielleicht dann auch noch im Winter selbst. Lyrische Monate stehen an.

  • Ein paar Gedanken zu „Mohn und Gedächtnis“ von Paul Celan

    Im Bergwerk der Menschheitsgeschichte, der Menschwerdung, da sind Paul Celans Gedichte anzusiedeln. Hier ein Schäumen, dort ein Wissen um die Essenzen von prägenden Krönungen mit dem Leid. Die Schatten in Mohn und Gedächtnis sind wie Pfeil und Bogen, auf eine Zukunft, ein Fortkommen und ein Verschweigen orientiert. Das Surreale aufgefangen in Kausalzusammenhängen befruchtet immer wieder aufs Neue. Die Schönheit dieser Verse liegt in der nach Abgründen tauchenden kristallinen Verstiegenheit, an der sich geradezu sprachliche Wunder aufbäumen. Die Tragweite dieser Poesie ist enorm und birgt überdiese eine ganz eigene Poetik vom Verschwinden und Erzeugen, vom Sehen, Ahnen und Vergeben.  Sie setzt zuweilen auf rohe Äste um dann wieder mit Kirschblüten paradigmatisch abzuholen. Wieder und wieder wurde die außerordentliche poetische Kraft dieses Meisters betont und ich will dies an dieser Stelle wiederholen. Für mich ist Paul Celan einer der größten, auch und gerade wegen seiner Unausdeutbarkeit. Auch wirkliche Schönheit in ihrer absoluten Vollendung bleibt nicht ausdeutbar. Der Dichter geht über Treppen aus weißem Marmor, in dem sich dem, der zu Schauen bereit ist, wunderbare Skulpturen abheben, die die Lektüre zu begleiten scheinen. Gleichsam, einem Naturgesetz folgend werden sie dann wieder zerbrochen, denn das Leben ist grausam auch in seiner Schönheit. Nichts hat Bestand, aber alles ist Weide, über die zu schreiten, unumstößliche Lebensgesetze vorgeben, bis in den Tod, die stille große Gestalt in Celans Werk, die immer mehr Raum greift, verschlingt.

    Paul Celans Lyrik ist geheimnisvoll, rätselhaft, unergründlich, dabei atemberaubend. Diese Koexistenz macht sie aus und macht sie faszinierend und gibt ihr Überzeitlichkeit. Auch in den kommenden Generationen wird es Menschen geben, die sich daran begeistern werden.

    Mohn und Gedächtnis. Gedichte. Paul Celan. Deutsche Verlags-Anstalt               

  • Betrachtungen zu David H. Richards Lyrikband „Mosaiko“

    Die Gedichte von David H. Richards sind minimalistische Flächenbrände in der Ursaat der Transzendenz, flexible Trapeze, die von der Seele rühren und an die Seele rühren. Der Lesegenuss, ein zarter Spaziergang, ohne Affinität zu dem Grotesken, das sich aus dem Überirdischen, von Erdenwarte aus betrachtet, zwangsläufig ergibt. Alles greift natürlich ineinander, verschränkt sich, verneigt sich, bleibt Rätsel und Offenbarung seiner Auflösung.

    Vieles mutet dabei in den Texten aphoristisch an, eine aphoristische Poesie mit der man es dann zu tun hat, die naturgemäß eingängig ist. Von Himmel, Hölle, Nacht und Finsternis etwa ist die Rede. Alles wird der Bedrohlichkeit entzogen, wird vergöttert in gewisser Weise hier und da.  Nicht selten sind es Reime, die den Inhalten die Schwerkraft in origineller Weise entziehen: „Brennende Sonne, /trennender Blick/ Asche der Wonne/ ist mein Geschick.“  

    Die Einfachheit in vielen der Gedichte hat ein besonderes Gespür, das anmutig zu nennen wäre und in Komplizenschaft steht mit dem Innehalten der Lesenden.

    Diese Gedichte sind etwas zum Ausruhen, mit einer bestechenden Physiognomie, auf die sich lohnt, immer wieder einen zweiten Blick darauf zu verwenden, um den wunderbaren Anspruch zu entdecken, dem sich die Eingänglichkeit nur scheinbar verschließt. Es wird mit einem doppelten Boden gearbeitet und jener ist von exklusivem Charme. Nicht zuletzt deshalb ist „Mosaiko“ äußerst zu empfehlen.      

    Mosaiko. Gedichte. David H. Richards, edition federleicht, 2020  

  • Im Garten

    Das Blau über der roten Trauer

    der leeren Bank.

    Violette Seele, die sich in den Boden reibt.

    Das Sonnenlicht verkündet Schatten,

    die die Schreie der Kinder durchbrechen.

    Es ist der Mittag geweihter Wasser.

    Ich fühle unter mir Erde und Sterben.

    Die Schonung kurz oder lang vor dem Tod

    durch maligne Melanome.

    Der Himmel fällt aus im Boden niedergegangener Vögel,

    die vor den Katzen flüchten in den Balsam hoher Tannen,

    die sommers noch meinen Winter austreiben.

    Ich hänge meine Seele über den stachelnden Strauch

    wie zur Sichtbarmachung des unsichtbaren Leidens.

    Mein Schweigen fällt auf das Schreien.

    Mosaiken stützen das Grab des unbekannten Tieres.

    Kindheit weht um meine Wangen in Memoriam.

    Ich finde in mir seltene Erden, die weise sprechen und

    schwarze Schmetterlinge gebären.

    Die Hähne krähen zur vollen Stunde der Blätter.

    Die Verwitterung auf den Ästen, mein sterbender Trieb.

    Das Du ist vergangen in roten Schatten auf der Lichtung.

    Stückwerk des Erinnerns.

    Ich berühre mit kleinen, vorsichtigen Schritten

    die Sicht des Gartens auf die Dinge,

    sein Grün ruft mich wieder mit Hoffnung.

    Ich hülle mich in die Gewänder der Bäume.

    Mein Augapfel wie eine glatte Rinde.

    Efeu rankt in Gewissen und Gedächtnis von Celans Mohn.

    Das Alter liebt unter Tage.

    Verspätete Nachtigallen in Kirschblüten.

    Die Äste der Kirschen spielen mir Rosen.

    Der Winter noch in jedem Traum von Gestern hält seine Seile gestrafft.  

    Aus ihm fließt die Wärme der Zimmer in den Garten.

    Die Lebensbäume wie stumme Soldaten am Rande des Krieges.

    Meine Innenreichen, die Zedern durchkreuzen.

    Ich male mein Allein in den Sand, den die Vogelstimmen besticken.

    Die Angst vor dem erwarteten Tag.

    Ich fülle die Einsamkeit mit Noten einer unbekannten Melodie.

    Wildgänse überfliegen mein Reich der Schrift. Schrift. Schrift.

    Ich bin nicht allein. Die Fußspuren der Zeit.

    Meine Schmerzen aus Schattenblättern.

    Das Ende der filigrane, rote Punkt am Horizont bleibt weiter im Schnee aus Angst.

    Wir drehen uns im Kreis aus Wind unter Vogelschwärmen, die Zeichen fliegen.

    Mein Kind ist gewachsen am Saum.

    Meine Wörter wachsen am Stil des Gartens.

    Das Gras flüstert von anderen Ebenen, dazwischen verwaistes Laub

    des Vorjahres, das zu beten scheint um neues Rostrot.

    Im Meer des Gartens Sonne, Angst und Erde, Nacht, Verwesung und

    Leben von Frucht und Geburt.                                   

  • Heute ist eine Rezension zu meinem Lyrikband Pfauenwasser von Ursula Maria Wartmann im Signaturen Magazin

    „(…)Kerstin Fischer hat mit „Pfauenwasser“ ihren Namen als kluge und hochsensible Sprachvirtuosin gefestigt. Ihre expressiven Sprachbilder und Metaphern rütteln an den aus gutem Grund verschlossenen Türen tief in uns selbst; sind durchaus geeignet, alte Ängste neu zu mobilisieren. Sie sind aber auch geeignet, eine Kraft zu mobilisieren, die antritt, dem Tod zu trotzen (… )“ Auszug.

  • Flusslandschaft II

    Flusslandschaft II. Bleistift. Kerstin Fischer

  • Erde des Erinnerns

    Die Klippen zur Angst grenzen an den Fluss

    und seine Sommerweiden.

    Ich verhalte mich still unter dem grünen Nebel des Wachstums des Gartens.

    Zungen aus Efeu, die mir über die Hände lecken wie satte Kälber.

    Zu meinen Füßen lagert der Tod des Winters.

    Warm und schweigsam.

    Die Reste überbordenden Laubes wie Magneten der Zeit.

    Ich finde den Gesang zwischen den jungen Trieben der weichen Äste.

    Immer noch steht die Birke in der Nähe meiner Kindheit.

    Junge Aprilschatten aus der Erde des Erinnerns,

    die das Alter formt.

    Wind. Schweigen. Wind

    für die Ankunft der Kraniche in blauen Bildern.